Der Fake-Faktor Spurensuche im grössten Betrugsfall des deutschen Fernsehens

Leseprobe

Auch ein Jahrzehnt nachdem sich der TV-Fälscher Michael Born wegen 23 mehr oder weniger intelligent getürkter TV-Beiträge vor Gericht als mutmaßlicher Betrüger zu verantworten hatte, geht die Branche diesem Kapitel deutscher Mediengeschichte aus dem Weg. Vom Star-Moderator Günther Jauch - seine Sendung stern TV war Hauptabnehmer der so genannten „Fakes“ -, bis hin zum verstorbenen Chef des ZDF-Magazins Frontal Bodo Hauser. Anfragen werden mit Schweigen beantwortet, Rückrufe passieren gar nicht oder wenn, dann mit eingeschränkter Auskunftsbereitschaft. Material sei nicht auffindbar oder gelöscht. Überhaupt: wen interessiere die Story noch? Wie sonst sollte dies gewertet werden, wenn nicht als Indiz dafür, dass die Affäre, die Zuschauer, Medien und Politik 1996 in Atem hielt sowie den TV-Journalismus erschütterte, nach wie vor Unbehagen auslöst? Umso erstaunlicher, dass nach Borns Verurteilung zu vier Jahren Haft weder die Hintergründe um die Fakes und den Prozess noch die Konsequenzen daraus öffentlich je wieder eine Rolle spielten. So die Ausgangslage. Was bleibt einem Autor, der den größten Betrugsfall in der deutschen TV-Geschichte rekonstruieren möchte, dann anderes übrig, als sich auf Spurensuche zu begeben? Um durch Auswertung von mehr als 1000 veröffentlichten Berichten, Kommentaren sowie Interviews in Tages- und Wochenzeitungen, Fachmedien, Magazinen oder TV, den damaligen Ereignissen so nah wie möglich zu kommen. Auf diese Weise entstand auch ein Sachbuch, das die Funktionsweise der Medien sowie das duale deutsche Rundfunksystem plastisch beschreibt. Und das durch die Affäre um Schleichwerbung bei der ARD im Sommer 2005 unerwartete Aktualität gewonnen hat.

Rückblick
Januar 2004: Die privaten Fernsehsender feiern 20. Jubiläum. Beispiel RTL: Die Station, die sich ab 1984 am erfolgreichsten neben ARD und ZDF etabliert hat, zeigt in zwei Jubiläumsshows „die größten Stars, die schönsten Momente und die lustigsten Pannen“ aus der TV-Geschichte. Gastgeber Oliver Geissen begrüßt neben Thomas Gottschalk, Marcel Reif oder Mike Krüger auch Günther Jauch. Der verkörpert wie kein Zweiter den Aufstieg des deutschen Privatfernsehens: Schmunzelnd schildert der TV-Star, der jahrelang zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Stationen hin und her wechselte, seine Erfahrungen aus den letzten beiden Jahrzehnten deutscher Mediengeschichte. Heute sind RTL Television, die Pro SiebenSat.1 Media AG - im August 2005 nach exakt zweijährigem Intermezzo in der Hand einiger Investoren um den israelischen Milliardär Haim Saban an die Axel Springer AG veräußert -, die Musikkanäle Viva und MTV, der Sportsender DSF, der Nachrichtenspezialist n-tv oder der Familiensender Super RTL aus der deutschen Medienlandschaft nicht mehr fortzudenken. Sie sind zentrale Player in der Medienwirtschaft, erlösten zusammen im Jahr 2004 netto über 3,5 Milliarden Euro Werbegelder (laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft), während sich die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit knapp 294 Millionen Euro abspeisen lassen musste. Gleichzeitig lehrten die Kommerziellen die per Zwangsgebühr finanzierten ARD und ZDF mit innovativen Formaten das Fürchten: Auf die Krawallshow Der heiße Stuhl, ab 1991 bei RTL zu sehen, schießt sich die TV-Kritik ein; Reinhold Beckmann macht 1992 die Bundesligaspiele für Sat. 1 zum Zuschauermagneten; RTL inszeniert im Gegenzug die Formel 1 zum Rennzirkus; der satirischen Late Night Show mit Harald Schmidt wiederum bei Sat. 1 kann bis zu deren plötzlichem Ende im Dezember 2003 niemand etwas entgegensetzen. Die Öffentlich-Rechtlichen trudeln unterdessen in eine Dauer-Identitätskrise. Das ZDF sendet am jugendlichen Zuschauer vorbei, entwickelt sich zum Lieblingssender der „Kukident-Generation“, wie Ex-RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma einmal ironisch anmerkte. Nicht nur Bürger, sondern auch Politiker fragen, ob eine quasi automatische Erhöhung der Rundfunkgebühren angesichts von Leistung und Angebot bei ZDF und ARD noch zu rechtfertigen ist. Genau darüber liegen die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), die Ministerpräsidenten der Länder und die Privatsender mit schöner Regelmäßigkeit miteinander im Clinch.
Vielen geht der öffentlich finanzierte Expansionsdrang in Wirtschaftsfelder, die nichts mehr mit dem Auftrag zur Grundsicherung der Meinungsvielfalt zu tun haben, zu weit. Beispiel Spartenkanäle: Aus welchem Grund rufen ARD und ZDF etwa im Frühjahr 1997 den „Kinderkanal“ ins Leben? Wohl doch, um dem Ende 1998 nach wenigen Jahren eingestellten US-Kindersender „Nickelodeon“ die Refinanzierung durch Werbung schwer zu machen. Tatsache seit Langem ist auch die Angleichung der Inhalte zwischen den privaten und öffentlich-rechtlichen Stationen. Keine Talkshow im Programm der Privaten, die nicht von staatlich alimentierten Sendern adaptiert worden wäre. Bei der ARD pubertieren Teenies in der Seifenoper Marienhof, bei RTL machen sie sich seit über einem Jahrzehnt in Gute Zeiten, schlechte Zeiten Gedanken über Liebe, Sex und Leidenschaft. Auch in einer der Domänen von ARD und ZDF, der Information, bieten die privaten Magazine Spiegel TV, stern TV oder Focus TV der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz wie beispielsweise Frontal, Monitor oder Kontraste Paroli. Ausnahme: Die gebührenfinanzierten Nachrichtenbastionen Tagesschau und heute. Zu denen konnte in puncto Zuschauergunst nur RTL aktuell annähernd aufschließen. Über 20 Jahre kommerzielles TV-Programm - ein Boom für die ganze Medienbranche: ob Moderatoren, Redakteure oder Produktionsgesellschaften, Print, Hörfunk oder Public Relations. In den 90er-Jahren scheint es, als seien dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Als dann 2002 die graue Eminenz der deutschen Medien, Leo Kirch, mit seinem Imperium aus Verlagen, Sendern wie Sat.1 oder Pro 7, diversen Vermarktungs- sowie Produktionsgesellschaften und der größten Filmbibliothek weltweit in die Pleite schlittert, ist die Blase vom unendlichen Wachstum bereits geplatzt. Bis dahin herrschte lange Zeit Goldgräberstimmung. Die Medien - ein Dorado, in dem sich immer wieder kleinere Skandälchen wie um das Thema „Reality TV“ im Jahr 1992 ereigneten, aber auch veritable Skandale, die eine ganze Fernsehnation erschütterten. Ein solcher zeichnet sich im Winter 1995 ab. Und es ist symptomatisch für das Selbstverständnis der Branche, dass diese zwar nichts so sehr liebt, wie Pleiten, Pech und Pannen anderer genüsslich und in Zeitlupe auszukosten, sich aber beim Kehren vor den eigenen Sendertüren zurückhält. Es ist daher aus Imagegründen nachvollziehbar, dass der größte Betrugsfall in der deutschen TV-Geschichte im Jubiläumsjahr mit Schweigen übergangen und nicht etwa in der RTL-Show Anfang Januar unter der Rubrik „die größten Skandale“ thematisiert wurde. Ein einmaliger Skandal, der die Glaubwürdigkeit des Fernsehjournalismus im Mark traf, schlummert in den Giftschränken der Senderarchive seit einem Jahrzehnt dem Vergessen entgegen. Die Akteure darin: ein zwielichtiger freier Autor und ein freischaffender TV-Star. Beide sorgen genau ein Jahr lang dafür, dass die eher distinguierte TV-Branche mal mehr, mal weniger subtil aneinander gerät und sich mit Vorwürfen überschüttet. Ganz zur Freude ihrer Berufskollegen, die dieses Auflagen und Quoten garantierende Branchenereignis bis ins letzte Detail für ihre Leser und Zuschauer in Szene setzen.

Spurensuche
Der Name des Übeltäters: Michael Born. Dem damals 37-jährigen freien TV-Produzenten gelingt das Kunststück, jahrelang private wie öffentlich-rechtliche Politmagazine mit angeblich authentischen Berichten zu betrügen, obwohl er die Themen darin erfunden und Szenen mit Freunden oder Bekannten nachgestellt hat. Seine Fakes wären nicht weiter aufgefallen, hätte die Staatsanwaltschaft Koblenz nicht nach einem Beitrag um angebliche Aktivitäten des US-Geheimbundes Ku-Klux-Klan in Deutschland Ermittlungen wegen rechtsextremistischer Umtriebe aufgenommen und in Rheinland-Pfalz nach solchen Organisationen gefahndet. In der Vernehmung über die Hintergründe des Beitrags verstrickt Born sich in Widersprüche. Das ist sein Fehler. Die Ermittler beginnen sich für andere seiner Filme zu interessieren. Ein Justizermittler schaut sich stundenlang Szene um Szene aus dem Film über das angebliche Treiben des Ku-Klux-Klan in Deutschland und über einen angeblichen Rauschgiftschmuggel über die deutsch-schweizerische Grenze an. Dann vermutet er in dem Darsteller des vermeintlichen Rauschgifthändlers und einem mit weißer Kapuze vermummten Ku-Klux-Klan-Anhänger ein und dieselbe Person. Eine Stimmenanalyse des Bundeskriminalamts bestätigt seine Vermutung. Gegen Born wird fortan wegen mutmaßlichen Betrugs ermittelt.
Beweise für seine kriminellen Machenschaften finden die Ermittler bei einer Durchsuchung seines Hauses in Lahnstein haufenweise. Born macht sich nicht einmal die Mühe, Spuren seiner Fakes zu beseitigen. Kapuzen aus dem Ku-Klux-Klan-Bericht, Fahnen mit Hakenkreuz, Bomberjacken oder die Reichskriegsflagge - Requisiten, die nur einen Zweck hatten: Themen durch mehr oder weniger geschickte Manipulation der Wirklichkeit zu dem Stoff zu machen, hinter dem TV-Magazine so her sind wie Süchtige hinter der Droge - Sensationsgeschichten. Mit Born gelangt neben anderen Politmagazinen auch stern TV in den Fokus der Ermittler. Grund: An die Kölner Redaktion verkauft er die meisten seiner Phantasiewerke - dies beweisen Honorarzahlungen aus den Jahren 1991 bis 1995. Nach den Ermittlern stellen bald auch Medien erste Fragen: Hätten die Fälschungen nicht als solche erkannt werden müssen? Warum funktionierten die redaktionellen Sicherungssysteme nicht? Hatte Born in der Redaktion Mitwisser? Oder wurde aus Quotengier der journalistische Anspruch über Bord geworfen? Mit anderen Worten: Wie steht es um den Berufsethos in der Redaktion?
Fragen, bei deren Beantwortung sich der viel beschäftigte Moderator und Ex-Chefredakteur von stern TV, Günther Jauch, öffentlich in das journalistische Handwerk blicken lassen muss. Ein Routinejob für einen an kritische Fragen und öffentliche Auftritte gewöhnten Medienprofi - könnte man meinen: Seit Jahren tingelt er durch die TV-Branche, moderiert neben dem Politmagazin auch die Champions League für RTL, außerdem kaufte ihn das ZDF für das Aktuelle Sportstudio ein. Doch er und sein Chefredakteur, Andreas Zaik, werden im Laufe der Ereignisse selbst zu Objekten der Recherche und zu Getriebenen der Medien. Für die ganze Branche und besonders die beiden Journalisten wird 1996 zum schwarzen Jahr. Sie schlittern in puncto Glaubwürdigkeit in eine Krise, müssen persönliche Niederlagen und Beschuldigungen einstecken, die sie bis an den Rand des beruflichen Absturzes manövrieren. Wie kann sich eine Affäre im Wechselspiel von sensationsgierigen Medien, Eitelkeiten und persönlichen Fehlentscheidungen in wenigen Tagen zum größten Skandal in der deutschen Fernsehgeschichte aufschaukeln? Warum entwickelt sich eine Schlammschlacht unter den Politmagazinen, die in einer Hetzjagd der Medien auf Günther Jauch gipfelt und ihn öffentlich in die Tiefe reißt? Zunächst aber: Wie reagieren ein bis dato unangreifbares TV-Magazin und sein Moderator, wenn sie mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen konfrontiert werden und zu allem Überfluss die Medien damit beginnen, sich für das Innenleben der Redaktion zu interessieren?
Antwort: ganz menschlich. Ähnlich wie zum Beispiel ertappte Raser auch. Ausweichend und taktierend, um die Fehlerquote in Sachen Widersprüche so niedrig wie möglich zu halten. Dass dies unter den Zwängen der Aktualität selbst für erfahrene Journalisten zum Drahtseilakt werden kann, wird sich immer wieder aufs Neue zeigen. Ungereimtheiten ranken sich etwa um den Zeitpunkt, zu dem stern TV Ende 1995 Wind von den eingeleiteten Ermittlungen bekommen haben will. Am 4. Dezember durchsucht die Koblenzer Kriminalpolizei die Redaktionsräume des Magazins in Köln. Zwei Tage später sichert Zaik den Strafverfolgern volle Unterstützung bei der Aufklärung des Falls zu. Im späteren Prozess vor dem Koblenzer Landgericht stehen sich in diesem Punkt zwei Positionen unvereinbar gegenüber: die Version des stern TV-Chefs und die Version des Born-Assistenten Georgios Charalampous, der wegen Beihilfe zum Betrug mit auf der Anklagebank sitzt. Es ist das Spiel Aussage gegen Aussage. Zaik sagt, er habe sich im Anschluss an ein Treffen mit dem Assistenten am 5. Dezember entschieden, die Behörden uneingeschränkt zu unterstützen, stern TV-Anwalt Winfried Seibert aufgesucht und danach auch Anzeige erstattet. Grund: Born habe in einem Telefonat damit gedroht, das Magazin der Mitwisserschaft zu bezichtigen. Zur Untermauerung legt er eine Taxiquittung vor. Sie soll beweisen, dass er tatsächlich in das Büro des Anwalts gefahren sei. An den Inhalt der in Anbetracht der Ereignisse sicherlich hitzigen Diskussion kann sich der Chefredakteur ebenso wenig erinnern wie sein Rechtsbeistand, der entgegen dem Usus seines Berufsstands ganz offensichtlich kein Protokoll über die Besprechung verfasst hat. Die Version des Born-Assistenten ist grundlegend anders. Das fragliche Gespräch habe mehrere Tage zuvor am 24. oder 25. November stattgefunden. Auch an den Inhalt erinnert sich Charalampous genau: Er habe Zaik über sämtliche manipulierten Filme Borns informiert, die bei stern TV liefen. Aus welchem Grund auch immer: die Ausführungen des Chefredakteurs überzeugen den Richter Ulrich Weiland für die Urteilsfindung mehr als die Darstellungen des Born-Assistenten. Sollte das Gespräch aber im November und nicht erst im Dezember stattgefunden haben, so ist dies nicht ohne Brisanz. Denn dann hätte stern TV sich nicht sofort nach dem Treffen mit Charalampous entschlossen, die Behörden zu unterstützen, sondern erst einmal abgewartet. Um etwa kritische Dokumente oder Beiträge zu sichten und sich so für die Zukunft zu präparieren? Aber überzeugt es wirklich, dass das Magazin vor der Durchsuchung nicht Wind von den Ermittlungen bekam? Immerhin geht der Autor, der die Wirklichkeit so täuschend echt zu inszenieren weiß, seit fast fünf Jahren in der Redaktion als freier Autor ein und aus. Ob als Kameramann oder Autor im In- und Ausland - Born, der sich erste Meriten als Reporter im Iran-Irak- oder Golf-Krieg verdiente, ist der Mann für Sensationen und Garant für dramatische Bilder. Dies sichert ihm in der Redaktion nicht nur Gehör, sondern auch Sympathien. Zwar hapert es dem Selfmade-Autor, der das journalistische Handwerk nie gelernt hat, stets an der Qualität. Doch um Schwächen in Text und Bild in den Griff zu bekommen, stellt ihm der Chefredakteur Mitarbeiter aus den eigenen Reihen zur Seite. Gemeinsam mit Redakteur und Cutter sichtet Born dann das Rohmaterial, wählt Sequenzen aus, diskutiert Zitate, entscheidet über die Schnittfolge. Es dauert mehrere Stunden, manchmal auch Tage, bis die in der Regel vier- bis sechsminütigen Beiträge von stern TV für die Endabnahme durch den Chefredakteur fertig gestellt sind. Ist es vor diesem Hintergrund eher auszuschließen oder wahrscheinlich, dass sich zwischen Born und einzelnen Redakteuren freundschaftliche Drähte entwickelten? Und konnten nicht über diese Drähte frühzeitig Details der losgetretenen Ermittlungen von Koblenz nach Köln gelangen? Offene Fragen! Wie erwähnt entscheidet sich das Gericht im späteren Prozess für die stern TV-Version. So oder ähnlich dürften sich die Ereignisse zuvor zugetragen haben und ab hier zur Chronologie. Am 8. Dezember 1995 erlässt die Staatsanwaltschaft Koblenz Haftbefehl gegen Born, drei Tage später sitzt er in Untersuchungshaft. Von all diesen für ein Politmagazin höchst ungewöhnlichen Ereignissen dringt kein Wort an die Öffentlichkeit - noch nicht.

Erste Indizien
In der Redaktion herrscht an den letzten Tagen vor Weihnachten noch einmal Hochbetrieb. Sendungen, die im RTL-Programm angekündigt sind, müssen aufgezeichnet und zusammengeschnitten werden. Günther Jauch im Dauerstress. Termindruck für alle Redakteure, denen eines nicht verborgen bleibt: stern TV-Anwalt Seibert, Jauch und Zaik treffen sich ungewöhnlich häufig zu langen Gesprächen hinter verschlossenen Türen. Der Grund dafür bleibt im Dunkeln. In der Redaktion kursiert das Gerücht, dass es im Zuge eines Beitrags wohl zu einem massiven juristischen Nachspiel gekommen sein muss. Moderator und Chefredakteur wissen zum Jahreswechsel zwar um die Gefahr, eine zentrale Rolle in der sich abzeichnenden Affäre um gefälschte TV-Berichte zu spielen, aber die Redaktion informieren sie darüber nicht. Das alte Jahr plänkelt aus, und mit der Routine von über 250 Sendungen startet stern TV ins neue.

Mittwoch, 3. Januar 1996
Für ihre durchschnittlich rund drei Millionen Zuschauer hat die Redaktion ein Neujahrsgeschenk: einen Rückblick auf das Jahr 1995. Der zeigt noch einmal einige der Highlights der Beiträge. Darin bleiben zum allgemeinen Erstaunen zwei der Schlagzeilen- und Quotenbringer unberücksichtigt. Da ist zunächst der im Januar ausgestrahlte Film „Kinderarbeit in Indien“. Dramatische Aufnahmen aus einer Manufaktur in Panipat - ein Dorf im so genannten Teppichgürtel bei Neu Delhi. Kinder knüpfen Teppiche für den schwedischen Möbel-Multi Ikea, die für den deutschen Markt bestimmt sind. „Arbeitsbedingungen in zuliefernden Kleinstbetrieben katastrophal“ heißt es dazu in einer Mitteilung, die stern TV zur Ankündigung der Enthüllungen zuvor an die Medien versandt hat. Folge: Schon vor der Sendung geht ein Aufschrei durch die deutsche Presse, Ikea steht öffentlich am Pranger.

Der Fake-Faktor
Spurensuche im grössten Betrugsfall
des deutschen Fernsehens
Eine TV-Sittengeschichte
Ein Medienkrimi
von Thomas Pritzl

136 Seiten, 19 Abbildungen, 9.80 Euro.
Sprache: Deutsch
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